Willkommen und Abschied

Johann W. von Goethe (1749–1832)

Entstehungsjahr: 1810
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut! Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht! Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Anmerkungen zum Text

"Willkommen und Abschied" zählt zu den berühmtesten Gedichten von Johann Wolfgang Goethe. Es erschien erstmals 1775. Goethe überarbeitete das Gedicht mehrfach, wobei die zweite Fassung 1789 unter "Willkomm und Abschied" und die dritte 1810 unter dem heutigen Titel veröffentlicht wurde.

Kurzkommentar

Ein Reiter verlässt in der Abenddämmerung schnell sein Zuhause und begegnet auf seinem Weg unheimlichen Naturerscheinungen. Trotz der düsteren Umgebung bleibt sein Herz voller Freude und Liebe, als er an seine Geliebte denkt. Ihre Begegnung und die zärtlichen Momente erfüllen ihn mit Glück, doch der bevorstehende Abschied am Morgen bringt ihm Schmerz. Die Liebe und das Geliebtwerden erscheinen ihm jedoch als das höchste Glück.
Tags:
Glück Liebe Nacht Romantische