Auf einer Burg
Joseph von Eichendorff (1788–1857)
Entstehungsjahr: 1810
Eingeschlafen auf der Lauer
Oben ist der alte Ritter;
Drüber gehen Regenschauer,
Und der Wald rauscht durch das Gitter.
Eingewachsen Bart und Haare,
Und versteinert Brust und Krause,
Sitzt er viele hundert Jahre
Oben in der stillen Klause.
Draußen ist es still und friedlich,
Alle sind ins Tal gezogen,
Waldesvögel einsam singen
In den leeren Fensterbogen.
Eine Hochzeit fährt da unten
Auf dem Rhein im Sonnenscheine,
Musikanten spielen munter,
Und die schöne Braut die weinet.
Kurzkommentar
Das Gedicht schildert die geheimnisvolle Erscheinung eines uralten Ritters, der seit Jahrhunderten versteinert in einer einsamen Klause über dem Rhein wacht. Während draußen friedliche Natur erklingt und unten ein fröhlicher Hochzeitszug vorbeizieht, entsteht ein starker Kontrast zwischen stiller Vergänglichkeit und lebendigem menschlichem Glück — das zugleich von Wehmut überschattet ist.
Tags:
Einsamkeit
Natur
Trauer