Der verspätete Wanderer

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Entstehungsjahr: 1854
Wo aber werd ich sein im künftgen Lenze? So frug ich sonst wohl, wenn beim Hüteschwingen Ins Tal wir ließen unser Lied erklingen, Denn jeder Wipfel bot mir frische Kränze. Ich wußte nur, daß rings der Frühling glänze, Daß nach dem Meer die Ströme leuchtend gingen, Vom fernen Wunderland die Vögel singen, Da hatt das Morgenrot noch keine Grenze. Jetzt aber wirds schon Abend, alle Lieben Sind wandermüde längst zurückgeblieben, Die Nachtluft rauscht durch meine welken Kränze, Und heimwärts rufen mich die Abendglocken, Und in der Einsamkeit frag ich erschrocken: Wo werde ich wohl sein im künftgen Lenze?

Kurzkommentar

Das Gedicht stellt Jugendhoffnung und spätere Lebensmüdigkeit einander gegenüber. Aus einstigem Frühlingsglanz ist Nachdenklichkeit über Vergänglichkeit geworden, und die Abendglocken rufen die Frage hervor, wo das lyrische Ich im nächsten Lenz stehen wird.
Tags:
Alter Einsamkeit Natur Nostalgische