Ich habe dich so lieb

Joachim Ringelnatz (1883–1934)

Entstehungsjahr: 1928
Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen Schenken. Ich habe dir nichts getan. Nun ist mir traurig zu Mut. An den Hängen der Eisenbahn Leuchtet der Ginster so gut. Vorbei – verjährt – Doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, Ist leise. Die Zeit entstellt Alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben. Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache An einem Sieb. Ich habe dich so lieb.

Kurzkommentar

Das Gedicht verbindet zarte Liebeserinnerungen mit leiser Melancholie und humorvoller Selbstironie. Das lyrische Ich blickt auf eine vergangene Beziehung zurück, in der Nähe und Wärme spürbar waren, während nun Vergänglichkeit und Reisebilder das Gefühl des Abschieds prägen. Trotz allem klingt im Schluss die unveränderte Zuneigung behutsam nach.
Tags:
Liebe Nostalgische Trauer