Nie bist du ohne Nebendir
Joachim Ringelnatz (1883–1934)
Entstehungsjahr: 1931
Eine Wiese singt.
Dein Ohr klingt.
Eine Telefonstange rauscht.
Ob du im Bettchen liegst
Oder über Frankfurt fliegst,
Du bist überall gesehn und belauscht.
Gonokokken kieken.
Kleine Morcheln horcheln.
Poren sind nur Ohren.
Alle Bläschen blicken.
Was du verschweigst,
Was du andern nicht zeigst,
Was dein Mund spricht
Und deine Hand tut,
Es kommt alles ans Licht.
Sei ohnedies gut.
Kurzkommentar
Das Gedicht spielt mit der Vorstellung, dass die Welt voller lauschender und beobachtender Wesen sei. Geräusche, Naturbilder und humorvolle Übertreibungen schaffen eine Atmosphäre allgegenwärtiger Wahrnehmung. Am Ende mündet diese skurrile Beobachtung in eine einfache moralische Einsicht: Da alles sichtbar wird, sei von vornherein gut.
Tags:
Humoristische
Philosophische