Kindergebetchen

Joachim Ringelnatz (1883–1934)

Entstehungsjahr: 1929
Erstes Lieber Gott, ich liege Im Bett. Ich weiß, ich wiege Seit gestern fünfunddreißig Pfund. Halte Pa und Ma gesund. Ich bin ein armes Zwiebelchen, Nimm mir das nicht übelchen. Zweites Lieber Gott, recht gute Nacht. Ich hab noch schnell Pipi gemacht, Damit ich von dir träume. Ich stelle mir den Himmel vor Wie hinterm Brandenburger Tor Die Lindenbäume. Nimm meine Worte freundlich hin, Weil ich schon sehr erwachsen bin. Drittes Lieber Gott mit Christussohn, Ach schenk mir doch ein Grammophon. Ich bin ein ungezognes Kind, Weil meine Eltern Säufer sind. Verzeih mir, dass ich gähne. Beschütze mich in aller Not, Mach meine Eltern noch nicht tot Und schenk der Oma Zähne.

Kurzkommentar

In drei kindlichen Abendgebeten verbindet das Gedicht Naivität, Humor und leise Traurigkeit. Die Bitten des Kindes schwanken zwischen spielerischer Fantasie, alltäglichen Sorgen und schmerzhaften Einblicken in seine Familienverhältnisse. Durch den Kontrast von Unschuld und ernstem Hintergrund entsteht eine berührende Mischung aus Komik und Mitgefühl.
Tags:
Humoristische Kinder Mensch Trauer