Das Kartenspiel
Joachim Ringelnatz (1883–1934)
Entstehungsjahr: 1928
Vier Männer zogen sich zurück,
Schlossen sich ein, und drei
Von ihnen versuchten ihr Glück,
Spielten Karten.
Draußen im Garten
Blühte der Mai.
Im schwülen Zimmer saßen die
Männer bei ihren Karten.
Ihre Weiber ließen sie
Draußen weinen und warten.
Und spielten Spiel um Spiel zu dritt,
Und jeder schwitzte.
Der vierte Mann sah zu, kibit –
Kibitzte.
Geld hin – Geld her – Geld her – Geld hin –
Verlust – Gewinn –
Nach Kartengemisch.
Es wurde gebucht,
Gereizt und geflucht.
Man schlug auf den Tisch.
Man witzelte seicht.
Hätte Pikdame statt Karozehn
Den Buben genommen,
Dann wäre vielleicht
Alles anders gekommen.
Und noch einmal und noch und noch,
Verbissen und besessen. –
Ein Lüftchen kam durchs Schlüsselloch,
Roch nach verbranntem Essen.
Der König fiel.
Das letzte Spiel,
Das allerletzte Spiel begann.
Und wieder stach die Karozehn.
Der vierte Mann,
Der nichts getan als zugesehn,
Gewann.
Vier gähnende Männer gingen
Hinaus ins Morgengraun.
Draußen hingen
Am Gartenzaun
Vier vertrocknete Fraun.
Kurzkommentar
Das Gedicht beschreibt eine lange, erstickende Nacht, in der vier Männer sich zum Kartenspiel einschließen, während der Frühling draußen blüht und ihre Frauen vergeblich warten. Besessenheit, Gier und Gleichgültigkeit bestimmen das Spiel, das schließlich der bloße Zuschauer gewinnt. Am Morgen offenbart sich die düstere Konsequenz ihres Handelns: die verlassenen Frauen sind am Gartenzaun vertrocknet – ein bitteres Bild menschlicher Rücksichtslosigkeit und zerstörerischer Spielsucht.
Tags:
Mensch
Sozial
Trauer