An das Baby

Kurt Tucholsky (1890–1935)

Entstehungsjahr: 1931
Alle stehn um dich herum: Photograph und Mutti und ein Kasten, schwarz und stumm, Felix, Tante Putti … Sie wackeln mit dem Schlüsselbund, fröhlich quietscht ein Gummihund. „Baby, lach mal!“ ruft Mama. „Guck“, ruft Tante, „eiala!“ Aber du, mein kleiner Mann, siehst dir die Gesellschaft an … Na, und dann – was meinste? Weinste. Später stehn um dich herum Vaterland und Fahnen; Kirche, Ministerium, Welsche und Germanen. Jeder stiert nur unverwandt auf das eigne kleine Land. Jeder kräht auf seinem Mist, weiß genau, was Wahrheit ist. Aber du, mein guter Mann, siehst dir die Gesellschaft an … Na, und dann – was machste? Lachste.

Kurzkommentar

Das Gedicht beschreibt zwei Momente im Leben einer Person: die Kindheit und das Erwachsenenalter. In der Kindheit ist das Kind von der Familie umgeben, die versucht, es zum Lachen zu bringen, aber es weint. Im Erwachsenenalter ist die Person von Staatssymbolen und Menschen mit unterschiedlichen Ideologien umgeben, die alle von ihrer eigenen Wahrheit überzeugt sind. Doch jetzt lacht die Person nur noch über das Geschehen.
Tags:
Gesellschaft Ironie Mensch