Weihnachtsabend. I

Theodor Storm (1817–1888)

Entstehungsjahr: 1851
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll, Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus, Weihnachten war´s; durch alle Gassen scholl Der Kinderjubel und des Markts Gebraus. Und wie der Menschenstrom mich fortgespült, Drang mir ein heiser Stimmlein an das Ohr: “Kauft, lieber Herr!" Ein magres Händchen hielt Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor. Ich schrak empor, und beim Laternenschein Sah ich ein bleiches Kinderangesicht; Wes Alters und Geschlechts es mochte sein, Erkannt ich im Vorübertreiben nicht. Nur von dem Treppenstein, darauf es saß, Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien: “Kauft, lieber Herr!" den Ruf ohn Unterlass; Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn. Und ich? - War´s Ungeschick, war es die Scham, Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? Eh meine Hand zu meiner Börse kam, Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind. Doch als ich endlich war mit mir allein, Erfasste mich die Angst im Herzen so, Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

Kurzkommentar

Ein Mann durchschreitet an Weihnachten eine fremde Stadt und hört die freudigen Stimmen der Kinder. Ein armes Kind bietet ihm ein Spielzeug zum Kauf an, aber der Mann reagiert nicht sofort. Später bereut er es tief, als er sich vorstellt, sein eigenes Kind könnte in einer solchen Notlage sein und nach Hilfe rufen.
Tags:
Kinder Schicksal Sozial Stadt Trauer Weihnachten