Die unmögliche Tatsache
Christian Morgenstern (1871–1914)
Entstehungsjahr: 1909
Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.
‚Wie war‘ (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
‚möglich, wie dies Unglück, ja –:
daß es überhaupt geschah?
‚Ist die Staatskunst anzuklagen
in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
‚Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht –?‘
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im Klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.
Kurzkommentar
In diesem humorvollen und ironischen Gedicht von Christian Morgenstern geht es um Palmström, einen Mann, der von einem Kraftfahrzeug überfahren wird. Während er über das Geschehene nachdenkt, kommt er zu dem Schluss, dass das Ereignis ein Traum gewesen sein muss, da laut den Gesetzbüchern dort kein Wagen fahren durfte. Mit scharfsinnigem Witz und einer Prise Absurdität reflektiert Morgenstern über die Diskrepanz zwischen Gesetz und Realität und die menschliche Neigung, die Wirklichkeit auf Basis persönlicher Überzeugungen umzudeuten.
Tags:
Humoristische
Ironie
Satirische